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In jedem Armen den Unternehmer wecken: Nobelpreisträger Yunus sprach beim BKU-Symposium zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Winfried Pinger

Rund 400 Teilnehmer kamen am 15. Mai zum Symposium „Mit Unternehmergeist für nachhaltige Entwicklung" in die Industrie- und Handelskammer  zu Köln (IHK). Anlass der Veranstaltung war der 80. Geburtstag von Prof. Dr. Winfried Pinger, dem Leiter des Arbeitskreises „Unternehmerische Entwicklungszusammenarbeit des MikrofinanzWiki-Förderers Bund Katholischer Unternehmer e.V. (BKU). Hauptredner war Friedensnobelpreisträger Prof. Muhammad Yunus aus Bangladesh.

Prof. Muhammad Yunus (4. v. l.) und Prof. Winfried Pinger (3. v. r.) bei der Eintragung ins goldene Buch der IHK-Köln. Das Symposion wurde in Kooperation mit mehren Organisationen veranstaltet, die vertreten waren durch Dr. Franz Schoser (von links), Schatzmeister der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hartmut Schauerte, Landesvorsitzender Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU NRW, Marie-Luise Dött, MdB, BKU-Bundesvorsitzende, Paul Bauwens-Adenauer, Präsident der Industrie- und Handelskammer Köln, Bruno Wenn, Sprecher der Geschäftsführung DEG - Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH. Foto: Peter Unterberg

Yunus eröffnete seine Rede mit Glückwünschen für den Jubilar: Er habe in seinem Leben das Glück gehabt, Freunde zu finden, die aus dem Nichts auftauchten und ihn dann lange begleitet hätten, sagte er. Einer davon sei Prof. Pinger, der vor vielen Jahren nach Bangladesh gekommen sei, um sich vor Ort bei den Menschen über die Lage zu informieren. Die damals gezeigte Leidenschaft habe Pinger auch bei der jüngsten Krise der Grameen-Bank wieder gezeigt und er habe sich für seine Freunde eingesetzt, betonte der Gast.

In der Grameen Bank stecke viel Hilfe aus Deutschland, betonte der Nobelpreisträger. Dabei gehe es weniger um Geld als um eine moralische Rückendeckung für dieses Erfolgsprojekt der Armutsbekämpfung. Anschaulich erklärte Yunus das ebenso einfache wie wirksame Konzept der Bank: Die zumeist weiblichen Kunden müssen zunächst kleine Spareinlagen leisten, bevor sie Mikrokredite für eine Existenzgründung erhalten. Damit möchte der Visionär den Unternehmer wecken, der aus seiner Sicht in jedem Menschen steckt. Gleichzeitig mussten sich die Kunden zur Einhaltung einfacher aber wirksamer Regeln verpflichten: Das begann mit der Verpflichtung, nur abgekochtes Wasser zu trinken und ihre Notdurft zu vergraben. Der nächste Schritt war dann der Aufbau einfacher Toiletten – ein zentrales Element der Gesundheitsvorsorge.

Eine Bank im Besitz armer Frauen
Eine große Erfolgsgeschichte schrieben die „Telephone Ladies". Gegen Ende der 1990er Jahre begann die Grameen Bank damit, mehr als 500 000 arme Frauen in Bangladesh mit Mobiltelefonen auszustatten. Fortan verdienten sie ihr Geld damit, andere gegen Entgelt telefonieren zu lassen und wurden zu wichtigen Kommunikationszentren in ihren Dörfern. Heute gebe es im Lande 80 Millionen Telefone, berichtete Yunus stolz.

Seit 1994 kommt die Bank, die „armen Frauen gehört", ohne fremdes Kapital aus. Mittlerweile wurden die anfänglichen Hygieneforderungen an die Kunden ausgeweitet: So verpflichten sich heute alle Kreditnehmer dazu, ihre Kinder in die Schule zu schicken.

Seit einigen Jahren arbeitet Yunus an einer weiteren Vision: dem Social Business. Hier handelt es sich um Unternehmen, die in erster Linie daran arbeiten, preiswerte Produkte für die Grundversorgung der Armen zu produzieren: Seien es preiswerte Schuhe, Milchprodukte für Kinder oder Moskitonetze. Zur Ruhe setzen wird sich der mittlerweile 71jährige Visionär wohl noch lange nicht: „Die menschliche Kreativität ist riesig. Warum sollte man sie nicht nutzen, um Probleme zu lösen?" fragte er, um hinzuzufügen: „Wenn Du ein Problem lösen willst, gründe ein Unternehmen!"

Deutsche Schwächen
Der Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Köln, Paul Bauwens-Adenauer, warnte in seiner Begrüßung vor der „deutschen Schwäche" wieder alles dem starken Staat zu überlassen, der schon so oft enttäuscht habe. Die Summe der freien Individuen sei stärker als das Kollektiv, betonte er und lobte Yunus Ansatz, selbst Mittel zu finden, um den Armen zu helfen.
Dr. Franz Schoser, Kuratoriums-Vorsitzender der AFOS-Stiftung und Schatzmeister der Konrad-Adenauer-Stiftung, würdigte die beiden zentralen Stichworte in Pingers Leben: Die Entwicklungspolitik, die er seit 1969 im Deutschen Bundestag vertreten habe, und die Förderung des Mittelstandes. Beide Bereiche habe Pinger schon zu einer Zeit miteinander verbunden, als wirtschaftliche Aspekte in der Entwicklungshilfe noch zu kurz kamen, lobte Schoser.

Vertieft wurde das Tagesthema in zwei Panels, die BKU-Geschäftsführer Martin Wilde moderierte. Darin räumte Gründer des Komitees Cap Anamur, Rupert Neudeck, mit dem „Kinderglauben auf, dass die Menschen in den Entwicklungsländern so arm seien, weil sie faul sind. „Die Mehrheit der armen Menschen sind faktisch Unternehmer", betonte er. Der Landesvorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung NRW, Hartmut Schauerte, lobte Yunus für seinen Weg, die Raiffeisen-Idee von der Hilfe zur Selbsthilfe für Afrika zu übersetzen. Dabei habe er auf kleine, dezentrale Einheiten gesetzt, in denen die Menschen etwas bewegen können.

Den Zusammenhang zwischen Klima und Entwicklung sprach die BKU-Vorsitzende und Bundestagsabgeordnete Marie-Luise Dött an. Für die drängenden Probleme müssten die kleinen Märkte vor Ort intelligente Lösungen finden, forderte sie. Gleichzeitig warnte sie vor „Riesenprojekten, die wiederum eine Riesenorganisation" benötigen. Prof. Dr. Peter Molt von der Universität Trier flankierte dies mit der Forderung nach mehr Subsidiarität: Entwicklungshilfe müsse die solidarischen Kräfte vor Ort unterstützen - nicht die Regierungen. Der Bundestagsabgeordnete Volkmar Klein forderte die lokalen Eliten auf, den von ihnen geschaffenen Ordnungen auch zu vertrauen und ihr Geld auch in der Heimat zu investieren.

Soziale Rendite im Blick
Als Gründerin des InvestInVision-Mikrofinanzfonds ist Edda Schröder scheinbar Unmögliches gelungen: Die Vereinigung von Bankgeschäft und Entwicklungshilfe. Ihr Fonds baut auf die armen Menschen vor Ort als Geschäftspartner und wählt seine Kreditnehmer auch nach der Sozialen Rendite ihrer Projekte aus. Der Sprecher der Geschäftsführung der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH, Bruno Wenn, hat Yunus vor vielen Jahren als Verhandlungspartner in einer Runde von Bankern erlebt: Ihn habe beeindruckt, wie dieser von den vielen Kreditgebern einheitliche Zahlungsmodalitäten und Berichtswesen gefordert habe. Und er erinnerte an Yunus Hinweis, dass mit dem Zugang zu Krediten auch das Selbstbewusstsein der Kreditnehmer steige.

Die Entwicklungszusammenarbeit kranke daran, dass sie nicht alle aktiviert, die sie braucht, kritisierte der Präsident der Hochschule Rhein-Sieg, Prof.Dr. Hartmut Ihne. Ein wichtiger Partner könnten die deutschen Hochschulen sein, schlug er vor. Gleichzeitig sprach er sich dafür aus, auch bei der Außenwirtschaftsförderung die Interessen der deutschen Wirtschaft zu beachten. Das war eine Vorlage für den stellvertretenden Vorsitzenden der CDU-CSU-Bundestagsfraktion, Dr. Christian Ruck, MdB. Aus seiner Sicht ist die Politik auf dem besten Wege, Tabus abzulegen und diese Interessen zu beachten. Die Entwicklungszusammenarbeit könne etwa auf Länder konzentriert werden, mit denen sich aus Sicherheits- Umwelt- oder Wirtschaftsinteressen eine enge gegenseitige Zusammenarbeit anbiete.

Jubilar Winfried Pinger nutzte sein Schlusswort für zwei zentrale Botschaften: Er warnte davor, in der Entwicklungshilfe auf die Bürokratie zu setzen. Heute flössen 80 Prozent der einschlägigen Gelder an Staaten und damit an ineffiziente Bürokratien, kritisierte er. Der Experte möchte diese Relation umdrehen und maximal 20 Prozent der Gelder an Staaten auszahlen, den Rest aber direkt an die Menschen vor Ort.Eng damit verbunden sei die Formulierung von Werten und Prinzipien, wie Yunus es vorgemacht hat: Wenn die Menschen in den Entwicklungsländern sich verpflichten, ihre Kinder in die Schule schicken, geben sie der nächsten Generation die Chance, in die Mitte der Gesellschaft aufzusteigen", glaubt Pinger. „Almosen sind schädlich! Dauersubventionen sind schädlich! Anschubfinanzierungen sind gut!", fasste er sein Credo zusammen und ergänzte: „Man muss den Menschen mehr zutrauen, dann werden Kräfte entwickelt, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte!"

Basierend auf dem Artikel von Peter Unterberg "Nobelpreisträger Yunus sprach beim Symposium zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Winfried Pinger – In jedem Armen den Unternehmer wecken"
 

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