Mikrofinanzprojekt des Monats: Der DGRV fördert lokale Wirtschaftstätigkeit zur Abmilderung von Ursachen und Auswirkungen der Binnenflucht in Kolumbien

Mikrofinanzprojekt des Monats: Der DGRV fördert lokale Wirtschaftstätigkeit zur Abmilderung von Ursachen und Auswirkungen der Binnenflucht in Kolumbien

Organisation
DGRV – Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband e.V.
Projektname
Förderung lokaler Wirtschaftstätigkeit zur Abmilderung von Ursachen und Auswirkungen der Binnenflucht in Kolumbien
Projektland
Kolumbien
Projektbeschreibung
Ziel des Projektes ist es, in abgelegenen Regionen Antioquias durch die Kooperation von Produzenten und deren Beratung langfristige Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen und die lokale Wirtschaftstätigkeit zu stärken. Die so entstandenen Produzentengruppen bauen z. B. Blumen, Obst und Gemüse an oder stellen Süßwaren her. Sie werden von den Projektmitarbeitern schwerpunktmäßig zu betriebswirtschaftlichen und finanziellen Themen sowie zum Potenzial von Kooperationen geschult. Dabei arbeitet der DGRV eng mit seinem Partner Fundación CFA, der Stiftung einer lokalen Spar- und Kreditgenossenschaft, zusammen.
Partner & Geber
Fundación CFA (Stiftung der Spar- und Kreditgenossenschaft Cooperativa Financiera de Antioquia); Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Laufzeit
2015-2021

Binnenvertreibung in Kolumbien

Die idyllische Kleinstadt Ciudad Bolívar liegt drei Autostunden von Medellín, der Hauptstadt des Departements Antioquia, entfernt. Dem Besucher sticht zunächst die grüne Hügellandschaft ins Auge, fast malerisch liegt die Kulturlandschaft des Kaffees im Herzen Kolumbiens da.

Dabei ist die Gegend von großen wirtschaftlichen und sozialen Problemen geprägt.  Ciudad Bolívar war lange Zeit die erste Anlaufstelle für Binnenvertriebene aus dem Urrao in Antioquia und der Nachbarprovinz Chocó, die als Opfer während des 50-jährigen bewaffneten Konfliktes in Kolumbien aus ihren Heimatdörfern fliehen mussten.

Die Vertreibung in Kolumbien hat ihre Ursachen in verschiedenen sozialen, politischen und ökonomischen Problemen, wobei der bewaffnete Konflikt der Guerillabewegungen und Paramilitärs sowie die Entwicklung des Drogenhandels in den 80er und 90er Jahren ihren Höhepunkt fanden. Dabei war die Zivilbevölkerung massiv der  Gewalt bewaffneter Gruppierungen ausgesetzt, was zu einer großen Fluchtbewegung führte. Offiziell wurden in Kolumbien zwischen 1985 und 2012 4,7 Mio. Menschen aus 1.117 Gemeinden vertrieben. Das Departement Antioquia ist dabei die größte Ursprungs- und Aufnahmeregion für die Vertriebenen.

Auch heute noch, nach dem Zurückdrängen der Guerillabewegungen der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) und der ELN (Ejército de Liberación Nacional) und einem mittlerweile vereinbarten Friedensprozess mit der FARC, liegt Ciudad Bolívar in einem Korridor, der dem intensiven Transit von Drogen zum Pazifik dient. Die entstandenen Freiräume nutzen heute kriminelle Gruppierungen, welche ein vielleicht noch schwieriger zu kontrollierendes Problem darstellen.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitslosigkeit

Viele Einwohner von Ciudad Bolívar halten sich als Tagelöhner in der Kaffeeernte über Wasser, ihren Kindern können sie kaum eine Perspektive für ein besseres Leben bieten. Die Kaffeeproduktion ist ein kapitalintensives Geschäft, daher besteht kaum die Möglichkeit, eine Parzelle Land oder die notwendigen Produktionsmittel zu kaufen.

Die Frauen versuchen oft, ein bescheidenes Einkommen für die Familie dazu zu verdienen. Viele von ihnen sind alleinerziehend. Sie pflanzen Gemüse und Obst an und stellen Fruchtsäfte oder Milchprodukte her, jedoch in einem so geringen Umfang, dass sie ihre Produkte allenfalls im engen Kreis von Freunden und Verwandten oder auf kleinen Märkten verkaufen können. Wird eine Ausweitung des Absatzmarktes gesucht, schöpfen Zwischenhändler die geringe Wertsteigerung ab. Eine Vermarktung im lokalen oder regionalen Supermarkt ist wegen der fehlenden Zulassung durch die staatliche Lebensmittelbehörde problematisch, wenn nicht unmöglich.

Infolge der hohen strukturellen Arbeitslosigkeit und fehlender Perspektiven verlässt vor allem die junge Bevölkerungsschicht die Region.

An dieser prekären Situation, die in fast ganz Kolumbien alltäglich ist, setzt das vom BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) finanzierte Projekt „Förderung lokaler Wirtschaftstätigkeit zur Abmilderung von Ursachen und Auswirkungen der Binnenflucht in Kolumbien“ an.

Ringelblumenernte im Departement Antioquia

Unterstützt wird das Projekt von der Fundación CFA, der Stiftung der Spar-und Kreditgenossenschaft CFA mit Hauptsitz in Medellín, aber auch von vielen regionalen Akteuren wie z. B. dem staatlichen Ausbildungsdienst SENA. SENA berät Kleinbauern zu  Themen wie Aussaat, Ernte, Verarbeitung und Vermarktung. Im bergigen Antioquia, nicht unweit des Äquators, existieren durch die Höhenunterschiede zahlreiche Mikroklimata auf kleinsten Raum nebeneinander. Dadurch ist der Anbau unterschiedlicher Agrarprodukte möglich. Die lokalen Wirtschaftsstrukturen und die Produzentengruppen unterscheiden sich dementsprechend stark voneinander.

Stärke durch Kooperation und Netzwerke

In Ciudad Bolívar werden außerdem dem Tourismussektor große Entwicklungspotenziale zugeschrieben. Bislang werden die Möglichkeiten jedoch kaum genutzt. Hier setzt das Beratungsprojekt gemeinsam mit der örtlichen Filiale der Spar- und Kreditgenossenschaft CFA an und bringt lokale Produzenten in einem gemeinsamen Projekt zur Förderung des Tourismus zusammen. Nun kommen Wochenendurlauber von Medellín in die malerische Region. Die Produzentengruppen organisieren gemeinsam den Aufenthalt vor Ort: Die Touristen reisen in bunt bemalten Bussen, sogenannten „Chivas“, werden mit Speisen und Getränken wie z. B. Kaffee aus eigener Herstellung verköstigt und von lokalen Musikgruppen unterhalten.

Frauen produzieren Nachtische für die Touristen und zum Verkauf vor Ort

Andere Mitglieder der Gruppe bieten Touristen selbstgeimkerten Honig und Bananen an. So erhalten die beteiligten Familien mehr Möglichkeiten zur Vermarktung ihrer Produkte, die ansonsten sehr begrenzt sind.

Auch der zunehmenden Kriminalität und Gewalt in der Region soll durch solche Initiativen entgegengewirkt werden, insbesondere indem Jugendlichen attraktive Alternativen aufgezeigt werden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Zugang zum Absatzmarkt

Ebenfalls mit dem Ziel einer besseren Vermarktung wird die genossenschaftliche Supermarktkette CONSUMO ins Projekt integriert. Die lokalen Produkte sollen zukünftig in ausreichendem Volumen, mit ausreichender Liefergenauigkeit und Qualität direkt in den Supermärkten in Medellín angeboten werden. Bei den hierfür notwendigen Schritten werden die Produzentengruppen beim gesamten Produktionsprozess bis hin zum Absatz der Waren von den Projektberatern begleitet. Dadurch soll zukünftig ein größerer Teil der Wertschöpfung bei den Herstellern bleiben. Bislang werden rund zwei Drittel von Zwischenhändlern vereinnahmt.

Die Produzentengruppen sollen mittelfristig eine Rechtsform annehmen und Strukturen bilden. Auch hierbei werden sie vom DGRV und der Fundación CFA beraten. Dies kann z. B. in Form einer Genossenschaft geschehen. Im Vordergrund steht jedoch die Umsetzung der Erkenntnis: „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele“.

Zugang zu Finanzdienstleistungen und finanzieller Bildung

Die Aktivitäten werden durch ein Angebot für finanzielle Bildung der Spar- und Kreditgenossenschaft CFA ergänzt. Dabei sollen die Mitglieder der Produzentengruppen zukünftig als Kunden der CFA möglichst regelmäßig Kleinbeiträge sparen, Zugang zu Krediten zu bezahlbaren Konditionen erhalten und damit unabhängig von den informellen, teuren und oft gewalttätigen Geldverleihern werden. Dieser Zugang zu Krediten ist essentiell für den Zugang zum formellen Absatzmarkt, denn bisher ist die Überbrückung einer Zahlung auf Ziel von bis zu acht Wochen durch die Supermärkte für die Kleinbauern und kleinen Produzenten nicht möglich.

Neben dem Thema Sparen, werden die Binnenvertriebenen auch zu den Themen Budgetkalkulation,  Einnahmenüberschussrechnung, Kreditmanagement und geschäftliche Verhandlungen geschult.

Das Projekt hat so zum Ziel, geschwächte Sozialstrukturen zu festigen, die Region zu fördern, das Leben auf dem Land wieder lebenswert zu machen und den Familien und vor allem den Jugendlichen neue Perspektiven zu bieten. Die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten ist dafür der wohl wichtigste Schritt, ohne den die (Re-)Integration der Binnenvertriebenen der Nachhaltigkeit beraubt wird. Kooperation, Vernetzung und Zugang zum Absatz- und Finanzmarkt stehen dabei im Mittelpunkt des Projektes.

 

Autorin: Kalina Nerger, Referentin der Abteilung Internationale Beziehungen des DGRV
 

Titelfoto: Beraterinnen der Fundación CFA (DGRV-Projektpartner) bei einem Zwiebelproduzenten in Antioquia

 

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