Islamic Microfinance

Islamic Microfinance

Im Gegensatz zu westlichen Volkswirtschaften ist der Zins in muslimisch geprägten Ökonomien oftmals keine Selbstverständlichkeit. Die Scharia verbietet die Zinszahlung (arab.: riba), was vor allem für westliche Banken und Mikrofinanzinstitute eine Umstellung bedeutet, wenn sie in diesen Regionen tätig werden.

Zinszahlungen sind nicht mit der Scharia vereinbar

Aber auch das wohl bekannteste Mikrofinanzmodell der Grameen-Bank aus Bangladesh, einem Land mit einer muslimischen Mehrheit, verletzt strenggenommen die Scharia und ist entsprechend nur bedingt in andere muslimischen Ländern portierbar. Um dort Mikrofinanz zur Financial Inclusion und Armutsbekämpfung einzusetzen, bedarf es einer Berücksichtigung islamischer Bank- prinzipien bei dem Entwurf von Finanzprodukten.

Islamic Banking beinhaltet nicht nur den Verzicht auf zinsorientierte Finanzgeschäfte, vielmehr ist es im Gesamtkontext mit den Ideen der Scharia bzgl. Ethik, Gerechtigkeit und Moral zu sehen. Daraus leiten sich gewisse sozioökonomische Zielvorstellungen für die Gesellschaft ab, die in den Prinzipien des Finanzwesens durch das Verbot von Spekulationen (Gharar) und Investitionen in „sündhafte“ Geschäfte, aber auch in der Aufforderung zur fairen Gewinn- und Risikobeteiligung zum Ausdruck kommen. In den letzten 30 Jahren wurden diese Prinzipien eines schariakonformen Bankenwesens vermehrt von islamischen Finanzinstituten bei der Gestaltung ihrer Finanzdienstleistungen berücksichtigt und implementiert.

Schariakonforme Mikrofinanzierung

Um Kapital für Kleinunternehmer zu generieren, haben vor allem drei Finanzierungskonzepte des Islamic Banking Relevanz: Mudaraba, Musharaka und Murabaha.

Mudaraba ist eine auf gegenseitiger Gewinnbeteiligung beruhende Geschäftsbeziehung, bei der eine Partei (z.B. eine Finanzinstitution) das Kapital stellt und die andere Partei das Management übernimmt, um eine Geschäftsidee umzusetzen. Die Aufteilung des Profits wird vorher vereinbart, wobei der Kapitalgeber das alleinige finanzielle Risiko im Verlustfall trägt, solange es sich nicht um grobes Fehlverhalten seitens des Managements handelt .

Musharaka unterscheidet sich hauptsächlich dadurch, dass beide beteiligte Parteien Kapital zum Projekt beisteuern und entsprechend ihres Beitrags für Verluste haften. Die Gewinnaufteilung wird wie bei Mudaraba vertraglich geregelt.

Genaue Buchführung ist für Mikrounternehmen eine große Hürde

Diese Profit-Sharing-Ansätze sind im Mikrofinanzbereich oft nur bedingt anwendbar und stoßen in der Praxis an ihre Grenzen. Die erwarteten Profite von Kleinunternehmern in Entwicklungsländern unterliegen Schwankungen und sind entsprechend unsicher. Vor allem bedarf es zur Ermittlung des Ertrags und der daraus resultierenden Aufteilung zwischen Bank und Unternehmer einer genauen Buchführung, die der typische Bezieher von diesen Kleinkrediten oft nicht leisten kann. Zudem steigt der Monitoring- und Administrationsaufwand für die Finanzinstitute und Kreditbetreuer, die ohnehin schon eine Vielzahl von Kreditnehmern verwalten, bei periodisch wechselnden Profiten und entsprechend variierenden Rückzahlungsraten.

Ein bei Mikrofinanzinstituten verbreiteteres Finanzierungskonzept dagegen ist Murabaha. Hierbei kauft das Institut das vom Kunden gewünschte Produkt in dessen Auftrag und verkauft es mit einem Aufschlag an diesen weiter. Die Zahlungen können in monatlichen Raten geleistet werden. Die Implementierung dieses Mechanismus’ in der Mikrofinanz ist relativ unproblematisch, da die einheitlichen Ratenzahlungen für die Mikrofinanzinstitution leichter zu verwalten sind.

Ein alternatives Produkt ist Qard al-Hassan, eine Art gebührenfreies und zinsloses Darlehen ohne Profitteilung. Einige Muslime halten dies für die einzige Finanzierungsform, die dem riba-Verbot wirklich gerecht wird. Diese Art des Kredites hat einen wohltätigen Charakter und mag deshalb im Kontext der Entwicklungshilfe relevant sein. Das Konzept kann für die Refinanzierung interessant sein, wie auch als islamisch konzipierte Spar- und Darlehensgemeinschaft. Außerhalb des islamischen Finanzwesens arbeitet die holländische Strohalm Foundation in der Entwicklungszusammenarbeit auf dieser Basis sowie die jüdisch-orthodoxen Gemach und bietet daher interessante religionsübergreifende Ansätze.

Islamische Banken beginnen erst langsam den Markt klein- und mittelständischer Unternehmen zu bedienen; das Mikrofinanzsegment ist somit noch nicht im Fokus.

Schariakonformes Mikrosparen

Die am weitesten verbreiteten islamischen Sparprodukte sind Wadiah (in Malaysia) und Mudaraba.

Wadiah bietet Sparmöglichkeiten für indonesische Kleinunternehmer

Bei Wadiah handelt es sich um ein Sparkonto, auf das der Sparer jederzeit zugreifen kann. Die Bank kann das Geld nach eigenem Ermessen und Risiko investieren und behält generierte Profite ein. Sie garantiert dem Sparer den Anlagebetrag ohne Zinsen, kann aber zur Kundengewinnung und zur Erhöhung des Sparanreizes freiwillige Geschenke (Hibah) vergeben. Diese Form der Depositen ist vor allem in Malaysia und in Indonesien verbreitet, ist aber unter Gelehrten nicht unumstritten.

Das bereits im Rahmen von Finanzierungen erwähnte Konzept von Mudaraba ist auch als Sparmodell anwendbar. Die Rollen sind hierbei vertauscht, d. h. der Sparer stellt das Kapital zur Verfügung, während die Bank als Manager fungiert und versucht es gewinnbringend zu investieren. Wie bei Mudaraba-Verträgen üblich trägt der Kapitalgeber das Risiko, während der Gewinn aufgeteilt wird. Die Verluste gehen entsprechend auf Kosten seiner Depositen, weshalb die Tauglichkeit für die Mikrofinanz fraglich ist. Es bedürfte gewisser regulatorischer Rahmenbedingungen, die das Verlustrisiko ebenso gering wie transparent halten.
Eine leicht abgewandelte Form des Mudaraba-Sparens, bei der die Verlustrisiken von der Bank absorbiert werden, erfreut sich jedoch in Indonesien großer Beliebtheit.

Eine Kombination von Sparen und Krediten bieten Spar- und Kreditgemeinschaften. Diese haben sich in Schweden und Dänemark als Genossenschaften lange bewährt und ihre Anwendung in der Entwicklungszusammenarbeit verdient eine größere Aufmerksamkeit.

 

Verwendete Literatur:

ABDUL RAHIM, Abdul Rahman: Islamic Microfinance: A Missing Component in Islamic Banking, Kyoto Bulletin of Islamic Area Studies, 1-2 (2007), pp. 38-53.
CHONG, Beng Soon; LIU, Ming-Hua: Islamic banking: Interest-free or interest-based?, Pacific-Basin Finance Journal 17 (2009), pp. 125–144.
DHUMALE, Rahul; SAPCANIN, Amela: An Application of Islamic Banking Principles to Microfinance, ??.
DUSUKI, Asyraf Wajdi: Banking for the Poor: The Role of Islamic Banking in Microfinance Initiatives, Proceedings of the 2nd Islamic Conference 2007 organized by Faculty of Economics and Muamalat, Islamic Science, University of Malaysia.
IMADY, Omar; SEIBEL, Hans Dieter: Principles and Products of Islamic Finance, ??
OBAIDULLAH, Mohammed: Introduction to Islamic Microfinance, International Institute of Islamic Business and Finance, 2008
SEIBEL, Hans Dieter: Islamic Microfinance in Indonesia, Sector Project Financial Systems Development, Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH (2005)
SEIBEL, Hans Dieter: Islamic microfinance in Indonesia: The challenge of institutional diversity, regulation and supervision, In: S. Nazim Ali, ed., Shari'a-Compliant Microfinance. London & New York, Routledge 2011, pp. 148-169.
WILSON, Rodney: Making Development Assistance Sustainable Through Islamic Microfinance, IIUM Journal of Economics and Management 15, no. 2 (2007): 197-217.
 

Wir danken Professor Hans Dieter Seibel und Michael Gassner (www.islamicfinance.de) für den kritischen Input bei der Erstellung dieses Textes.

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