Historie

Historie

Den Durchbruch zu höchster Popularität erreichten Mikrokredite, als die UN- Generalversammlung das Jahr 2005 zum internationalen Jahr des Mikrokredites erklärte. Maßgeblich war schließlich die Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 2006, den Muhammad Yunus und seine Grameen Bank „for their efforts to create economic and social development from below“ erhielten.

Die Mikrokreditbewegung kann auf eine lange Historie zurückblicken. Schon 1515 hatte Papst Leo X die montes pietatis gefördert – Geldinstitute, die armen Menschen Geld liehen. Im 18. Jahrhundert entstanden dann im deutschen Raum Witwen- und Waisenkassen. Im 19. Jahrhundert schließlich die Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken zur Unterstützung von Arbeitern und Bedürftigen. Schon damals war es der Ansatz, Kredite zu fairen Konditionen zu vergeben. Zinsgünstige Kredite sollten unabhängig von Wucherern machen. Auch sollten ärmere Bevölkerungsschichten die Möglichkeit haben, Geld zur Risikovorsorge, für das Alter oder für den Krankheitsfall, sicher zurückzulegen. Wie die Erfolgsgeschichte der Genossenschaftsbanken und Sparkassen zeigt: Ein zeitloses Konzept, das dort hilft, wo es nötig ist. Heute erlebt der Raiffeisen-Ansatz in der Mikrofinanzbewegung eine Renaissance.

Der nächste Boom fand in den 1960er und 1970er Jahren statt. Mikrokredite wurden vor allem in Schwellenländer und Staaten der dritten Welt zur Förderung des Agrarsektors vergeben. Indien ist dafür ein gutes Beispiel. Diese Phase der Vergabe von Mikrokrediten war durch niedrige, subventionierte Zinssätze geprägt. Es sollte so sichergestellt werden, dass auch die Ärmsten die Zinssätze würden aufbringen können. Leider stellte sich ein gegenteiliger Effekt ein. Um die unterhalb des Marktniveaus liegenden Zinssätze anbieten zu können, mussten die vergebenden Finanzinstitute subventioniert werden. Trauriger Effekt: die Effizienz der Institute litt dadurch dramatisch. Zudem kam es in der reicheren ländlichen Elite zu starken Mitnahmeeffekten, da die subventionierten Mikrokredite das billigste verfügbare Kapital darstellten. Nach und nach wurde Kritik laut, dass gerade die subventionierten Kredite die Ärmsten ausgrenzen und bestehende Einkommensunterschiede zementieren würde. Die Banken zogen sich unter anderem aufgrund dieser Kritik von dem Mikrokreditmarkt zurück und wurden mit der Zeit durch semiformelle, meist spendenbasierte, Mikrofinanzinstitute – NGOs – ersetzt. Viele dieser neuen Mikrofinanzinstitute wurden schon in den 1970er Jahren gegründet und entwickelten sich zu den Hauptakteuren auf dem Mikrokreditmarkt.

Mikrokredite wurden in ihrer modernen Form durch drei Institutionen relativ zeitnah aufgelegt. In Brasilien vergab Acción International seit Anfang der 1970er Jahre Mikrokredite, Opportunity International begann zunächst in Indonesien und operiert heute weltweit. Muhammad Yunus gründete schließlich 1976 seine Grameen Bank in Bangladesch. Im Mittelpunkt dieser Gründungen stand die Armutsbekämpfung durch wirtschaftliche Entwicklung.  

Noch zu Anfang der 1990er Jahre gab es neben den genannten Institutionen nur wenige Akteure in der Branche. Mittlerweile hat sich der Sektor mit mehreren tausend Akteuren weltweit stark differenziert. Als zentraler Erfolg kann dabei gelten, dass Finanzinstitute auch mit armen Menschen zuverlässige und langfristige Geschäftsbeziehungen aufbauen können. Was noch in den 1990er Jahren als radikal oder unrealistisch galt, ist heute Grundlage für die florierende Mikrofinanzbranche geworden. Die hohen Rückzahlungsquoten von oftmals weit über 90 Prozent liegen über den Quoten von normalen Geschäftskrediten. Genau dieses Faktum hat wesentlich zur Attraktivität des Mikrofinanzsektors für den internationalen Finanzmarkt beigetragen. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts gründeten verstärkt kommerzielle Investoren Mikrofinanzinstitute. Zudem wandelten sich ehemals gemeinnützige Mikrofinanzinstitute zu profitorientierten Akteuren. Die mexikanische Mikrofinanzinstitution Compartamos ist diesen Weg bis hin zum börsennotierten Unternehmen gegangen. Auch der Börsengang des in Indien ansässigen Unternehmens SKS Microfinance im Jahr 2010 erzeugte viel Aufmerksamkeit. Als Argument für die Kommerzialisierung der Mikrofinanzbrache wird häufig ins Feld geführt, dass nur durch die Erhöhung des Kapitalstocks das notwendige Finanzvolumen erreicht wird, um noch mehr armen Menschen mit Mikrofinanzdienstleistungen zu erreichen. Doch wie verhält sich diese Entwicklung mit der ursprünglichen Zielsetzung der Mikrofinanzbewegung, der Armutsreduktion?

Wir, die Förderer des Portals, stehen der Kommerzialisierung nicht vorbehaltlos gegenüber. Zentral erscheint uns, dass der klare Fokus auf die Armutsreduktion erhalten bleibt. Dafür ist es wichtig, dass entstehende Gewinne zum Großteil wieder in die Unternehmen reinvestiert und in Form von besseren Konditionen an die Kreditnehmer weitergegeben werden. In diesen Fällen lässt sich berechtigt von "ethischem Investment" sprechen. Dabei gilt jedoch der Leitsatz: Die Rechtsform einer Mikrofinanzinstitution sagt nichts über die Qualität der Arbeit aus. Jeder Akteur muss einzeln und genau betrachtet werden. Tritt jedoch die soziale Zielsetzung hinter das Gewinnstreben zurück, geht die zentrale Intention der Mikrofinanzbewegung verloren. Nicht Rendite und Gewinn, sondern Armutsverminderung sind der Auftrag der Mikrofinanzbewegung, wie wir sie verstehen.  Lesen Sie mehr zu diesem Thema unter dem Punkt Kritik.

Wir, die Förderer des MikrofinanzWiki, streben grundsätzlich eine soziale Mikrofinanz an, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Sozial ausgerichtete Mikrofinanz kann sowohl von spendenorientierten als auch von investitionsorientierten Support-Akteuren, sowie von Wissenschaftlichen/Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen und staatlichen/öffentlichen und genossenschaftlichen Akteuren geleistet werden.

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