Aktuelle Kritik an Mikrofinanz

Aktuelle Kritik an Mikrofinanz

Erfuhr die Mikrofinanzbewegung lange Zeit enorme Unterstützung durch die Öffentlichkeit, wird speziell die kommerzielle Mikrofinanz zunehmend hinterfragt. Überschuldung von Klienten, unsittliche Zinshöhen und die ausbleibende soziale Rendite waren die Themen. Trauriger Höhepunkt der Berichterstattung waren Berichte über Selbstmorde von Klienten im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh. Aus Verzweifelung über die finanziellen Lasten der Rückzahlung von Mikrokrediten sollen sie sich selbst das Leben genommen haben. Jeder Selbstmord ist ein trauriger Akt; ihn zu analysieren ist komplex. Der Tod als letzter Ausweg? Angesichts eines Bündels individueller und struktureller Gründe verbieten sich einfache Antworten. Alle Versuche, dieses Phänomen zu erklären, müssen in die Tiefe gehen. Eine mögliche Erklärung für die Situation in Indien finden Sie hier.

Die Situation in Andhra Pradesch fordert auf, die Transparenz, Ertragshaltigkeit und die Effektivität der Mikrokredite erneut zu hinterfragen. Aus diesem Grund gründete die Reserve Bank of India ein „Malegam Committee", um die aktuelle Lage zu überarbeiten und Empfehlungen auszusprechen. Ihr Bericht wurde im Januar 2011 veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass man das schädliche Verhalten einiger kommerzieller Mikrofinanzinstitutionen begrenzen und Regeln für den Sektor aufstellen müsse. Der Bericht betont die Unterstützung der Reserve Bank in der Mikrofinanz und unterstreicht die Notwendigkeit weiterer Mikrofinanzinstitutionen in Indien.

Manche Medien stellten in einzelnen Beiträgen sogar die Mikrofinanz prinzipiell in Frage. Unter dem Menüpunkt Medienbeiträge finden Sie eine Auswahl an Artikeln.

Solcher Fundamentalkritik treten wir, die Förderer dieses Portals, mit Vehemenz entgegen. Es ist unsere tiefe Überzeugung und unsere Erfahrung aus Jahren der praktischen Arbeit: Mikrofinanz hilft Menschen, ihre Armut hinter sich zu lassen.

Genauso wahr ist aber auch: Mikrokredite und Mikrofinanz sind kein Allheilmittel und nicht in jedem Kontext und für jeden Menschen die richtige Form von Entwicklungshilfe. Damit Mikrofinanz einen wichtigen Beitrag zur Beseitigung der Armut leisten kann, muss mit ihren Instrumenten verantwortungsbewusst umgegangen werden.

Die Empfänger von Mikrokrediten müssen sorgfältig ausgewählt, geschult und begleitet werden. Die geliehenen Mittel sollten investiert und nicht konsumiert werden. Die Vergabe von Mikrokrediten sollte mit der Möglichkeit zum Sparen und der Chance auf Mikroversicherungen kombiniert werden. Ebenso wichtig ist es, einfache Geldtransfersysteme für Inlandsüberweisungen zu realisieren und möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen.  

Dies ist im letzten Jahrzehnt nicht überall der Fall gewesen. Dort wo bitterarme Kreditnehmer Renditen von 20-30 Prozent für Investoren erwirtschaften, erscheint der verantwortungsbewusste Umgang mit den Instrumenten der Mikrofinanz zumindest zweifelhaft. Diese Auswüchse sind in erster Linie im Kontext einer Kommerzialisierung entstanden, die in einem weitgehend unregulierten Mikrofinanzmarkt stattgefunden hat. Bedauerlich ist, dass durch den Missbrauch einer guten Idee die Mikrofinanzbewegung als ganzes diskreditiert wird.

Folgend eine Aufstellung der aktuell am häufigsten thematisierten Kritikpunkte an der Kommerzialisierung der Mikrofinanz:
 

1. Zinshöhe

Es gibt Beispiele, bei denen Kreditnehmer über 100 Prozent Zinsen pro Jahr auf ihren Kredit abverlangt werden. Muhammad Yunus meint dazu, dass Mikrokredite nicht dazu entwickelt worden seien, damit die Wucherer nun im Nadelstreifenanzug einer Mikrofinanzinstitution zu den Armen zurückkehren. Der Nobelpreisträger betont, dass die Konditionen für Mikrokredite sich an marktüblichen Zinsen orientieren sollten. Zins- und Inflationsraten sind je nach Land sehr unterschiedlich. Als Faustregel kann gelten: Die Zinsrate eines Mikrokredites sollte sich innerhalb eines Korridors von 10 bis 15 Prozent über der Inflation bewegen.

2. Überschuldung

Überschuldung ist ein massives und schwerwiegendes Problem - nicht nur für die Mikrofinanzbranche. Überschuldung zerstört im Einzelfall die wirtschaftliche Grundlage von Existenzen. Deswegen ist es zentral, dass geprüft wird, ob Kreditnehmer überhaupt in der Lage sind, aufgenommenes Kapital wieder zurückzuzahlen. Aufgrund von ambitionierten Wachstumszielen kommerzieller Akteure, die im Falle von Andhra Pradesh zudem in einem Markt mit hoher Konkurrenz realisiert werden sollten, ist diese einfache Grundlage des Bankwesens zum Teil außer Kraft gesetzt worden. In der Konsequenz führte dies dazu, dass einige Kreditnehmer sich doppelt und dreifach verschuldeten. Der Gedanke an die US-amerikanische Schuldenkrise, die durch die leichtsinnige Vergabe von Immobilienkrediten vor ein paar Jahren ausgelöst wurde, liegt nahe.

3. Gewinnmaximierung

Gewinnmaximierung sollte nicht der Leitwert der Mikrofinanzarbeit sein, da Gewinnmaximierung immer wieder in Konflikt zu dem Ziel der Armutsreduktion kommt. Speziell im Zusammenhang mit Missernten, Naturkatastrophen, aber auch bei harten Einzelschicksalen von Kreditnehmern dürfen unserer Meinung nach nicht gemeinwohlorientierte Zielsetzungen auf dem Altar der Gewinnmaximierung geopfert werden. Mikrofinanz ist dafür da, dem Menschen zu dienen und nicht vice versa.

4. Kredite ohne Begleitung

Begleitung und Unterstützung ist für den Erfolg der Klienten wichtig. Sei es, durch die Einbindung in Kreditnehmer-Gruppen oder durch die direkte Hilfe von Kreditbetreuern. Nach einem ganzheitlichen Ansatz, sollte der Klient mit dem Kredit nicht alleine gelassen werden. Schulungs- und Trainingsprogramme unterstützen die Wirkung der Kreditvergabe nachhaltig. Unter der Prämisse der Gewinnmaximierung treten solche Erwägungen zurück, da Schulungen und Betreuung kostenintensiv sind.

Wir sind in großer Sorge, dass unter der aktuellen Debatte nicht nur die betroffenen Klienten leiden, sondern auch die Bereitschaft zurückgehen könnte, diese wichtige Arbeit der Armutsbekämpfung weiter zu unterstützen. Damit würden auch die bestraft, die dringend auf Ihre Hilfe warten.

zum Forum

Mikrofinanzprojekt des Monats
Mikrofinanzprojekt des Monats: Die Organisation Bank im Bistum Essen eG unterstützt das Projekt
Mikrofinanzprojekt des Monats: Die Organisation Bank im Bistum Essen eG unterstützt das Projekt "Fundación de Apoyo Comuntario y Social del Ecuador" (FACES)

Die Bank im Bistum Essen eG unterstützt in Ecuador insbesondere ältere MikrofinanzunternehmerInnen. ...mehr

Mikrofinanz-News
08.11.2017 – Oikocredit erzielt über 500 Millionen Euro Anlagekapital in Deutschland ...mehr
15.09.2017 – Stellenausschreibung: Portfoliomanager (m/f) (Invest in Visions) ...mehr
08.09.2017 – Die finanzielle Inklusion scheitert an den Farmern: Wie kann er Sektor den Markt der Kleinbauern erreichen? ...mehr
01.09.2017 – CGAP Fotowettbewerb 2017 ...mehr
11.08.2017 – Der Jahresbericht der Mikrofinanz CEO Working Group ist veröffentlicht worden ...mehr
Weitere News
Nächste Termine
24.11. - 25.11.17: 7th Global Islamic Microfinance Forum ...mehr
29.11. - 01.12.17: European Microfinance Week 2017 ...mehr
Weitere Termine