Ziele der Mikrofinanz

Ziele der Mikrofinanz

Für Menschen mit einem geringen bzw. unregelmäßigen Einkommen ist es eine große Herausforderung, die Kosten des alltäglichen Bedarfs zu decken. Während Kleinbauern beispielsweise nur zu bestimmten Zeiten im Jahr ihre Erzeugnisse verkaufen können, Kleinsthändler mit guten und schlechten Tagen zu kämpfen haben, Gelegenheitsjobs im Bau- oder Dienstleistungsgewerbe nur sporadisch verfügbar sind, ist das Niveau der täglichen Ausgaben für Nahrung, Wasser und Strom relativ konstant. Ebenfalls schwierig gestaltet sich die Beschaffung größerer Geldbeträge für bedeutende Ausgaben- und Investitionsvorhaben. Dazu zählen beispielsweise Vorhaben wie die Hochzeit der Kinder oder die Anschaffung von Maschinen und Waren zum Auf- und Ausbau der eigenen unternehmerischen Kapazitäten. Eine weitere finanzielle Herausforderung betrifft die Absicherung gegen Risiken, beispielsweise gegen eine Missernte oder einen Krankheitsfall.

Ein formeller Finanzsektor zur Befriedigung ihrer finanziellen Bedürfnisse steht Menschen mit einem geringen Einkommen insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländer nur selten zur Verfügung. KommerzielleBanken sind aus Angst vor den Risiken und der zu geringen Erträge meist nicht gewillt, diese Kundengruppe zu bedienen. Daher nutzen die Menschen eine Reihe von alternativen Möglichkeiten zur Geldbeschaffung-und Aufbewahrung. Ersparnisse werden beispielsweise bei Nachbarn hinterlegt, kleine Beträge bei Freunden und Verwandten geborgt, informelle Kredite beim Geldverleiher oder wohlhabenden Mitgliedern der Gemeinde aufgenommen. Zudem schließen sich die Menschen zu Spar-, Kredit- und Versicherungsgemeinschaften zusammen.

Ein wesentlicher Nachteil dieser informellen Finanznetzwerke besteht darin, dass dringend benötigte Gelder oft nicht schnell und in ihrer Höhe nicht ausreichend genug bereit gestellt werden können. Formelle Finanzdienstleister, wie Mikrofinanzinstitutionen und Kreditkooperativen hingegen verfügen über nötige Finanzmittel und können bei Bedarf und Eignung zuverlässig die notwendigen Beträge zur Verfügung stellen. Ein weiterer Nachteil informeller Finanzen ist ihr oftmals reziproker Charakter: Verwandte, Freunde und Nachbarn helfen mit Darlehen aus, erwarten aber im Gegenzug, dass ihnen zukünftig die gleiche Hilfe zuteil wird. Im Gegensatz dazu ist die ausstehende Schuld beim formellen Finanzdienstleister bereits mit der Rückzahlung des Darlehens samt Zinsen beglichen.

Mit ihren innovativen Produkten, Technologien und Vertriebswegen bietet Mikrofinanz einen Lösungsansatz zur Überwindung der beschriebenen Widerstände und Probleme formeller und informeller Finanzdienstleister. Ganz allgemein besteht das Ziel der Mikrofinanz in der Bereitstellung finanzieller Dienstleistungen für Menschen mit geringen Einkommen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Dieses Finanzangebot ist von unschätzbarem Wert für die Armutsbekämpfung. Schließlich stellt der Ausschluss von formellen Finanzdienstleistungen eine der größten Herausforderungen bei der Linderung von Armut dar.

Das Finanzangebot der Mikrofinanzinstitutionen versteht sich als Hilfe zur Selbsthilfe, als Mittel zur Befähigung der Mikrofinanzkunden zur finanziellen Teilhabe und zum Aufbau eines besseren Lebens: Kleinstunternehmer können dringend benötigte Investitionen mit Produktivkrediten finanzieren, Arbeitnehmer können Geldbeträge an Familienmitglieder in entlegenen Regionen überweisen, Bauern können sich gegen Ernteausfälle versichern und Haushalte können langfristige Ersparnisse aufbauen. Dabei wirken sich die armutsmindernden Effekte der Mikrofinanz auf ganz unterschiedliche Teilziele der von der UN formulierten Millenium Development Goals aus.

Die Mikrofinanzen unterscheiden sich von anderen Entwicklungsansätzen.

Ein wesentliches Differenzierungsmerkmal ist die Double Bottom Line. Darunter versteht man die duale Zielsetzung, der sich die Mikrofinanzinstitutionen verschrieben haben. Demnach verfolgen Mikrofinanzinstitutionen eine wirtschaftliche und eine soziale Zielsetzung:

  1. Wirtschaftliche Zielsetzung: Die Menschen benötigen verlässliche und dauerhafte Finanzinstitutionen. Wirtschaftlich gesehen ist es daher notwendig,  die mit der Kreditvergabe, der Entlohnung des Personals und der Kapitalbeschaffung anfallenden Kosten, mithilfe von Kreditzinsen und anderen Einnahmen zu decken. Das Stichwort hier lautet finanzielle Nachhaltigkeit. Finanziell nachhaltige Mikrofinanzinstitutionen arbeiten kostendeckend und sind in der Lage sich aus eigener Kraft dauerhaft zu erhalten.
     
  2. Soziale Zielsetzung: Menschen mit geringen Einkommen benötigen Finanzinstitutionen,  die ihre Bedürfnisse kennen und sie erreichen. Mikrofinanzinstitutionen sollten sich deshalb dem Kundensegment widmen, welches vom formellen Bankensektor nicht bedient wird. Die angebotenen Produkte müssen einfach verständlich sowie fair und transparent gestaltet sein. Des Weiteren ist es notwendig, dass die Produkte schnell zugänglich und flexibel sind, d.h. optimal an die Kundenwünsche angepasst sind.

In der jüngsten Zeit werden Stimmen zur Implementierung einer Tripple Bottom Line laut. Wirtschaftliche und soziale Zielsetzung sollen durch eine ökologische Komponente ergänzt werden. Mikrofinanzinstitutionen sollten demnach grundlegende Umweltstandards beachten sowie umweltgefährdende und ressourcenausbeutende Investitionen unterlassen.

Die Double Bottom Line birgt ein gewisses Konfliktpotential: Einzelne Akteure befürchten eine einseitige Gewichtung der wirtschaftlichen Zielsetzung zu Lasten der Sozialen. Das Stichwort hier lautet Mission Drift. Die fortschreitende Kommerzialisierung des Sektors wird unteranderem dahingehend kritisiert, dass Mikrofinanzinstitutionen bevorzugt höhere Einkommensschichten bedienen, Einkommensschwächere hingegen vernachlässigen würden. Zudem bestünde die Gefahr, dass übermäßig hohe Zinssätze veranschlagt und überhöhte Gewinnerwartungen formuliert würden.

Etliche Mikrofinanzakteure haben auf diese Befürchtungen reagiert und widmen sich seitdem der Entwicklung und Implementierung des Social Performance Management. Dahinter verbirgt sich ein Managementansatz, der auf die Wirkungsmessung und Förderung der sozialen Zielsetzung ausgerichtet ist.

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