Neue Geschäftsfelder für Kleinlandwirte in marginalisierten Regionen im Bundesland Guairá

Neue Geschäftsfelder für Kleinlandwirte in marginalisierten Regionen im Bundesland Guairá (Paraguay)

Organisation
DGRV – Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband e.V.
Projektname
CoopSur - wirtschaftliche Inklusion von Kleinunternehmern und Kleinbauern durch wettbewerbsfähige Genossenschaftsstrukturen im südlichen Südamerika
Projektland
Paraguay
Projektbeschreibung
Durch die Förderung genossenschaftlich organisierter Selbsthilfe leistet das Projekt einen Beitrag zur wirtschaftlichen und sozialen Partizipation breiter Bevölkerungsschichten, zur Verbesserung lokaler und regionaler Wirtschafts- und Sozialstrukturen und damit zur Armutsminderung.
Partner & Geber
Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) COOPEDUC (Spar- und Kreditgenossenschaft) A-Fines (Agrarwirtschaftliche Beratungsgesellschaft)
Laufzeit
seit 2016

Durch die Förderung genossenschaftlich organisierter Selbsthilfe leistet das Projekt einen Beitrag zur wirtschaftlichen und sozialen Partizipation breiter Bevölkerungsschichten, zur Verbesserung lokaler und regionaler Wirtschafts- und Sozialstrukturen und damit zur Armutsminderung. Das Vorhaben zielt dabei auf eine Stärkung genossenschaftlicher Strukturen in der Landwirtschaft, in der Realwirtschaft und im Finanzsektor ab. Systeme der genossenschaftlichen Selbsthilfe entwickeln sich zu mehrstufigen Genossenschaftssystemen weiter, ermöglichen die Integration wirtschaftlich benachteiligter Gruppen in den Wirtschaftsprozess und damit in die Gesellschaft.

Eine Aktivität im Rahmen dieses Projekts ist die Schaffung von langfristigen Alternativen zur Monokultivierung von Zuckerrohr in den marginalisierten Regionen im Bundesland Guairá und die Stärkung von lokalen Sozialstrukturen. Durch die Bildung von Produzentengruppen nach regionalen Zonen wird neben der Wirtschaftlichkeit auch der soziale Gedanke gefördert. Neue Produkte sind z. B. Sesam und Maracuja, deren Vermarktung über Abkommen mit Großabnehmern abgewickelt wird. Landwirte werden von den Projektmitarbeitern schwerpunktmäßig zu finanziellen und technischen Themen sowie zum Potenzial von Kooperationen geschult. Diese Aktivität wird federführend von der Spar- und Kreditgenossenschaft der Region COOPEDUC durchgeführt.

Prekäre sozioökonomische Verhältnisse in der paraguayischen Region Iturbe

Guairá im südlichen Paraguay ist für die Kultivierung von Zuckerrohr bekannt. In den letzten 6 Jahren kam es aufgrund der Schließung der Zuckerfabrik in der Gemeinde Iturbe zu einer Stagnation der sozioökonomischen Entwicklung in den betroffenen Gemeinden Iturbe, San Salvador und Borja in der Region Guairá. Das führte zu einer Verringerung der landwirtschaftlichen Tätigkeit von Kleinbauern und verursachte Verschuldung. Zwar können noch heute organische und konventionelle Zuckerrohrkulturen in den drei Gemeinden beobachtet werden, dennoch werden viele von ihnen nach und nach aufgegeben.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der statistischen Auswertung der Region wider: Nach den Daten der Generaldirektion für Erhebungen, Statistiken und Volkszählungen (DGEEC) liegt die Gesamtarmut für die Region Guairá für das Jahr 2015 bei 28%, während sich 10,70% in einer Situation extremer Armut befinden und noch 17,15% als arm klassifiziert werden. Der Status extremer Armut im ländlichen Sektor in den von dem Projekt abgedeckten Gemeinden wird jedoch als erheblich höher eingeschätzt. Darüber hinaus zeigen Statistiken von Institutionen, die im agroländlichen Sektor öffentliche Dienstleistungen erbringen, eine schwache oder fehlende Unterstützung für Landwirte der Region.

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Zuckerrohr ist noch heute Haupteinnahmequelle vieler Landwirte der Region Guairá. (Fotoquelle: cañadeazucar.net/cultivo/)

Die Genossenschaft COOPEDUC und ihr positiver Einfluss

COOPEDUC wurde zwischen 1971 und 1972 in der Stadt Villarrica als Spar- und Kreditgenossenschaft von Pädagogen gegründet, um einerseits finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen und andererseits die soziale Würdigung ihres Berufs zu fördern. Später, im Jahr 1997, wurde die Satzung mit dem Ziel geändert, die Dienstleistungen für seine Mitarbeiter auszuweiten und zur finanziellen Ebene eine integrierte Konsum-, Produktions- und Servicesparte hinzuzufügen.

COOPEDUC begann mit 150 Mitarbeitern und hat derzeit 65.428 aktive Mitglieder, verteilt auf verschiedene Gemeinde hauptsächlich in der Region um Villarica¨, von denen 31.198 (47,68%) Männer und 34.207 Frauen (52,28%) sind. Seit 2004 finanziert die Genossenschaft auch die landwirtschaftliche Produktion, von Kleinlandwirten der Region Guairá und in einigen Gemeinden des benachbarten Departements Caazapá. Heute gehören der Genossenschaft 4.393 Landwirte als aktive Mitglieder an, was COOPEDUC in der Region zu einem der wichtigsten Förderer des Primärsektors macht.

Stärke durch die Allianz „Mbohapy“

Im Zuge der Zuckerkrise der Region im Jahr 2012 engagierte sich COOPEDUC mit dem Ziel, das Wohl ihrer Mitglieder im landwirtschaftlichen Sektor zu steigern. So werden Landwirte dabei unterstützt, gewinnbringende Alternativen zur sozialen und wirtschaftlichen Selbsterhaltung zu finden und eine nachhaltige Unabhängigkeit zu erreichen. Motivation für das Projekt seitens der Genossenschaft war die Unterstützung für Familien und landwirtschaftliche Betriebe, die besonders stark von den Auswirkungen der Abwertung von Zucker betroffen waren und weder vom Staat noch von anderen Organisationen des Sektors Hilfe erwarten konnten. Wichtigste Motivation ist, den Leuten nicht nur ihre Würde als Landwirte, Nachbarn und Mitmenschen der Region wiederzugeben, sondern damit auch der Landflucht entgegenzuwirken und das Landleben wieder attraktiver zu machen.

In diesem Sinne wurde die „Alianza Mbohapy“, Guaraní für „Allianz aus Dreien (Organisationen)“, ins Leben gerufen. Die Allianz hat den Zweck, die landwirtschaftliche Entwicklung zu fördern und die Wettbewerbsfähigkeit der Genossenschaft zu gewährleisten. Wie der Name bereits suggeriert, sind am Projekt neben der Genossenschaft selbst auch noch die Beratungsfirma A-Fines und der DGRV beteiligt. Ziele sind neben der Diversifizierung von Einkommensquellen der involvierten Landwirte durch Fortbildungsmaßnahmen im Bereich von Wertschöpfungsketten auch eine allgemeine Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der Genossenschaft selbst, was durch den Ausbau von Dienstleistungen und der Aufnahme neuer Partner erreicht werden soll. Die Aktivitäten des Bündnisses beginnen mit einem partizipativen Workshop, in dessen Rahmen durch Führungskräfte und ländliche Partner neben der allgemeinen Kartierung und Definierung neuer Wertschöpfungsketten auch ein erstes regionales Pilotgebiet bestimmt wurde.

 

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Treffen von Genossenschaftsmitgliedern zur Bestimmung des neuen Projekts.

So fing man im Oktober 2016 damit an, als ersten Schritt den Anbau von Bohnen (habilla) zu bewerben, da diese bereits in kleinem Maßstab produziert wurden und damit bei den beteiligten Partnern bekannt waren. Zur gleichen Zeit wurden jedoch auch neue Alternativen in Erwägung gezogen, wie z. B. die Vermarktung von Bio-Sesam (Ajonjolí). Im Zuge dieser Aktivität wurde mit einem Exporteur von Sesam für den japanischen Markt nicht nur für beide Parteien faire Vermarktungsbedingungen vereinbart, sondern auch die technische Unterstützung der beteiligten Landwirte erreicht. Waren zunächst nur wenige Produzenten dazu bereit, das mit einer noch unbekannten Produktgattung einhergehende Risiko der Kultivierung einzugehen, sind viele Zweifel mittlerweile ausgeräumt.
 

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Kultivierung der Mburucuyá in Verbindung mit Canavalia (Gründüngung)


Zugang zum Absatzmarkt

Darüber hinaus begann im zweiten Jahr des Projekts die Umsetzung des Anbaus von Mburucuyá (Guaraní für Maracuja) mit 74 Partnern, dank einer Allianz mit FRUTIKA, Firma für Konzentrate und Zitrussäfte, die ihre Produkte weltweit (darunter auch in Deutschland) vermarktet. FRUTIKA hat nicht nur die hochwertigen Setzlinge von Mburucuyá an die mit COOPEDUC verbundenen Kleinbauern verkauft und geliefert, sondern auch die Technologie durch Schulungen interessierter Landwirte und ausgewählte Techniker der Genossenschaft übertragen.

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Landwirt, der seine Mburucuyá-Ernte säubert, um grünen Winterdünger als Teil der nachhaltigen Landwirtschaftspraxis einzupflanzen.

Zugang zu Finanzdienstleistungen und Finanzbildung

2015 wurde mithilfe des DGRV das BMZ finanzierte Programm Oñondivé (Guarani für „gemeinsam“) in COOPEDUC gegründet. Hierunter ist einerseits ein Refinanzierungsfond gemeint, der spezielle Fördermittel für Kleinstkredite zur Verfügung stellt die an die Bedürfnisse der Erzeuger und der Ernte angepasst sind und andererseits angepasste Fortbildungskurse im Bereich der finanziellen Bildung für Kleinlandwirte. Des Weiteren berät der DGRV die Genossenschaft bei der Definition von Förderkriterien für Kreditnehmer, der Festlegung geeigneter Bewertungsverfahren für die Kreditvergabe und der Gewährung von Krediten in Segmenten der am stärksten gefährdeten Mitglieder. Der Lernprozess ist kontinuierlich, da er in zwei aufeinanderfolgenden Landwirtschaftsjahren durchgeführt wurde, was einige Lehren und Verbesserungsmöglichkeiten mit sich brachte, die von den DGRV-Technikern entdeckt und gemeinsam mit Führungskräften und Mitarbeiter von COOPEDUC analysiert wurden.

Ausblick
Durch die Fortführung der vorgestellten Projektaktivitäten kann sich das Gebiet in den künftigen Jahren zu einer Region von Bioprodukten für regionale und internationale Märkte entwickeln. Zu diesem Zweck empfiehlt sich die Fortsetzung des Aufbaus von Kapazitäten unter den Landwirten, um Technologien, Mehrwert und Produktionsvolumen zu übertragen und in die Wertschöpfungskette zu integrieren. Abgesehen von diesen technischen und organisatorischen Aspekten sollen interinstitutionelle Koordinierungsstellen der kommunalen Zusammenarbeit unter dem Vorsitz der Gemeinden selbst eingerichtet werden, um in 6 Gemeinden ein koordiniertes Vorgehen mit öffentlichen und privaten Einrichtungen im Bereich der ländlichen Entwicklung zu erreichen.

Die Delegation der Europäischen Union in Paraguay evaluiert eine künftige Erweiterung des Pilotprojekts "Alianza Mbohapy" im Rahmen des Kooperationsabkommens mit Paraguay. Einerseits, um im größeren Umfang die ökologischen Wertschöpfungsketten der landwirtschaftlichen Produkte auszubauen und andererseits, um die Intensität der technischen Beratung für Kleinbauern in der Region zu fördern. Darüber hinaus wird auf eine stärkere Einbeziehung der Kommunalverwaltungen hingewiesen, was eine bessere Koordinierung und Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen / Organisationen, die in den Kommunen Dienstleistungen im ländlichen Raum erbringen, bewirken würde.
 

 

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Kultivierung von Grapefruit, heimischen Waldbäumen und schwarzem Hafer als Gründüngung.

 

 

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Zufriedene Gesichter und reife Mburucujá als Beweis für den Erfolg des Projekts.

 

 

 

 

 

 

 



 


Autoren: Simon Heinken, Projektassistent des Projektvorhabens CoopSur
José Manuel Bautista, Projektleiter des Projektvorhabens CoopSur

 

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