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Einschätzung der Selbstmorde in Indien

In Indien gab es 2006 mehr als 118.000 Selbstmorde landesweit. Seit Jahren steigen die Zahlen. Dabei zeigen sich regional große Unterschiede: Die höchsten Raten weisen die Unionsstaaten Punducherry, die Inselgruppe der Andamanen und Nicobaren und Kerala, im Südwesten von Indien, auf. Dies sind alles keine Regionen, in denen Mikrofinanzarbeit besonders ausgeprägt ist. Andhra Pradesh rangiert erst an zwölfter Stelle – ein Hinweis, dass es andere Gründe als Mikrokredite für die Selbstmorde geben muss. Welche sind dies?

Schon einmal wurde durch die Medien eine einfache Erklärung für die steigenden Selbstmordraten in Indien verbreitet. Dem Saatgutkonzern Monsanto wurde vorgeworfen, mit gentechnisch verändertem Saatgut für tausende Selbstmorde indischer Kleinbauern verantwortlich zu sein. Genaue Untersuchungen zeigten jedoch, dass kein Zusammenhang zwischen Selbstmordraten und der Verwendung von Monsanto-Saatgut nachweisbar ist. Vielmehr zeigte sich ein Bündel an interdependenten Ursachen, die in der Literatur mit einer ökologischen, einer sozialen und einer ökonomischen Krise des ländlichen Raums in Indien beschrieben werden. Wie entwickelten sich diese Krisen?

Mitte der 1960er Jahre begann Indien damit, seine Landwirtschaft zu modernisieren. Hochertragssorten wurden eingeführt, der Einsatz von Pestiziden, Mineraldünger, Maschinen und Bewässerungssystemen forciert – mit zum Teil dramatischen ökologischen Folgen. Heute findet auf dem Subkontinent eine zweite Grüne Revolution statt: Einsatz von gentechnisch veränderten Sorten und die Umstellung der Produktion auf Erzeugnisse für den Weltmarkt. Nach dem Beitritt Indiens zur WTO 1995 wurde zudem der heimische Markt nach und nach für Agrarimporte geöffnet. Damit einhergehend wurden Garantiepreise aufgehoben und Subventionen abgebaut – alles Maßnahmen, die für die Mehrzahl der traditionellen Kleinbauern die Wettbewerbssituation dramatisch verschlechterten. Zudem modernisiert sich die indische Gesellschaft: Die Mobilität steigt, die Landflucht verstärkt sich und traditionelle soziale Strukturen, die früher Sicherheit gaben, lösen sich auf.

Mit beiden Modernisierungswellen ändern sich die Produktionsweisen für die kleinbäuerliche Landbevölkerung massiv: Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel müssen vorfinanziert werden. Als Folge steigt der Kapitalbedarf der Bauern enorm. Trotz Bemühungen des Staats wurde der Zugang zu Kapital nicht im selben Umfang erleichtert. So sind noch immer rund 29 Prozent der indischen Bauern auf private Geldverleiher angewiesen, weitere zwölf Prozent auf Kredite von Händlern. Diese traditionellen Wege zum Produktionskapital sind das wahre Problem und für die ökonomische Krise des ländlichen Raums in hohem Maße verantwortlich. Dass bei privaten Geldverleihern die Konditionen ungleich schlechter sind als bei den teuersten Mikrofinanzanbietern und ungleich größerer Druck ausgeübt wird, wird in der aktuellen Kritik ausgeblendet.

Die steigenden Selbstmordraten sind also trauriger Ausdruck des Übergangs Indiens zur Moderne, der dringend durch die richtigen politischen Entscheidungen abgefedert werden muss. Als unbestritten kann dabei die makroökonomische Bedeutung des Zugangs zu Kapital für Entwicklung gelten. Und der Bedarf ist weiterhin riesig: Erst rund 10 Prozent der rund 310 Millionen Armen in Indien haben Zugang zu Mikrofinanzdienstleistungen. Gut gemachte, soziale Mikrofinanz stellt also für den ländlichen Raum in Indien und gerade in Hinsicht auf Selbstmorde nicht das Problem, sondern einen Teil der Lösung dar.

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